Ein Liebesbrief für meine Matheprüfung.

Liebe Matheprüfung

Ich hätte nie gedacht, dass ich dir mal einen Brief schreiben würde. Wir hatten uns an unsere gewöhnliche Kommunikation gewöhnt. Du hast immer von mir verlangt, Lösungen für deine Probleme zu finden, und ich habe es immer versucht. Ich habe Tag und Nacht nach den Lösungen gesucht, ich wollte dich glücklich machen, aber du hast mir immer den Rücken gekehrt und nicht mal gesagt, was du genau von mir wolltest. Du hast mich angeschrien und mich mit dem Buchstaben „X“ mehr verletzt als je jemand zu vor. Ich nannte unsere Beziehung toxisch, habe um dich geweint, konnte aus Angst dich zu enttäuschen nicht mehr schlafen, doch ich konnte dich nicht verlassen. Besser gesagt ich durfte dich nicht verlassen. Ich werde dich noch ein Leben lang ertragen müssen, dies schien unerträglich zu sein. Wir hatten auch schöne Erinnerungen. Weisst du noch, vor etwa einem Jahr, als du auf meine Frage, wo wir nun zu Abend essen mit „Stochastik“ geantwortet hast? Mein Herz schlug schneller, und ich hatte endlich die Lösung zu einem deiner Probleme gefunden. Manchmal denke ich, du solltest wegen deinen Stimmungsschwankungen mal zum Arzt. Wie du mich über all die Jahre behandelt hast, ist bestimmt nicht normal. Wie auch immer, ich schreibe dir nicht, um alte Konflikte wieder aufzudecken. Ich weiss, du hasst es, wenn ich dir Fragen stelle. Ich werde nicht mehr über unsere vergangene Beziehung sprechen. Liebe Matheprüfung, ich vermisse dich so sehr. Schon ironisch, dass wir uns an meinem letzten Schultag vor der Schulschliessung begegnet sind. Ich wusste nicht, dass du mit deiner exponentiellen Kurve mir ein Zeichen gegeben hast. Wer hätte gedacht, dass bald die ganze Weltbevölkerung wissen würde, was eine exponentielle Kurve ist. Die Distanz hat mir Vieles beigebracht, liebe Matheprüfung.  Ich habe sogar dich vermisst. Ich vermisse deine kantigen Seiten, und die frischgedruckte Tinte, mit der du mich empfangen hast. Und deine Probleme, all deine Fragen, scheinen jetzt neben dem Coronavirus die einfachsten Fragen der Welt zu sein. Ich vermisse die stressigen Vorbereitungen, und unsere Treffen, bei denen du mich oft traumatisiert hast. Doch du gehörst zu meinem Leben, liebe Matheprüfung. Du gehörst zu meinem Alltag, zu meinem strukturiertem Leben, und ohne dich habe ich vielleicht ein Problem und eine Aufgabe  weniger, aber dafür eine leere Spalte in meinem Herzen. Du gehörst zu meiner Existenz, und es hat all die vergangenen getrennten Wochen gebraucht, bis ich verstanden habe, wieso du so wertvoll für mich bist. Nicht deine Belohnungen haben dich so wertvoll gemacht. Du hast mir beigebracht, nicht aufzugeben und nach den Antworten zu suchen, bis ich sie gefunden habe. Und ja, manchmal fand ich die Antworten nicht auf Anhieb, aber du hattest immer deine Musterlösungen bei dir, die mir gezeigt haben, dass kein Problem zu gross ist, um gelöst zu werden. Dank dir bin ich nun voller Zuversicht, dass irgendjemand auf dieser Welt auch früher oder später eine definitive Lösung für die grosse „Corona-Frage“ finden wird, und wir alle auch dann erkennen werden, dass du immer Recht hattest: Wer sucht, der findet. Ich weiss du willst nun mich anschreien und sagen: Es geht nicht um eine Suche nach der Goldtruhe, du musst endlich mal RECHNEN UND FORMELN ANWENDEN! Das ist in Ordnung. Schrei mich ruhig an, und sag deinen Freunden X und Y einen Gruss.

Alles Liebe und hoffentlich bis bald

Deine Helin

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