Ich muss mich nicht finden, ich bin nicht verloren.

Eines Tages wachte ich auf und dachte, heute ist der Tag gekommen. Heute werde ich mich verändern. Aber wisst ihr was. All diese Instagram-Posts wie“ Du bist schön, wie du bist“ und dann die Tiktoks mit 15 Sekunden Schminke und da hier bin ich, ein neuer Mensch, und all die Youtuber, die dir Tipps für eine Diät oder zum organisiertem Lernen geben, und dann wieder die Zitate „Liebe dich selbst“ auf Twitter. All das, das verwirrt mich. Ich bin jung und suche nach Inspiration. Warte. Aber Kylie Jenner sagt, ich soll die Inspiration in mir selbst finden. Oder warte. War das eine andere? Auf jeden Fall: ich komme nicht mehr mit. Soll ich mich nun finden, soll ich mich verändern, mich selbst lieben, oder alles aufs mal? Wie soll das gehen?

Sogar als ich zuhause während der Coronakrise auf meinem Sofa einen Film schaute, kam leider nicht wenig der Gedanke auf, ich sollte doch produktiv sein. Denn Gigi Hadid hat doch angefangen zu malen, könnte ich auch mal. Oder warte. War das Jason Derulo? Justin Bieber? Ich bin froh, nicht mehr ein Kind zu sein. Bei mir gab es noch Hannah Montana, „Best of both worlds“. Jetzt lautet das Motto: „Best of all worlds“. Ich muss talentiert sein, eine Feministin, aber eine Feministin wie auf Social Media, eine Künstlerin, immer informiert sein, immer gut gelaunt, hin und wieder auch melancholisch. Und meine Wörter sind heute verwirrt, genau wie meine Gedanken. Wie soll ich das alles nur erreichen?

Die Welt ist so überkritisch. Auch ich natürlich. Mal ist es zu viel, mal zu wenig. Diese aufgezwunge Produktivität ist jedoch das, was mich am meisten stört. All diese Erwartungen, ich müsste jeden Tag mein Leben im Griff haben, wissen was ich will, immer bereit sein für einen „Neustart“, doch die „Vergangenheit“ akkzeptieren, in Influencer-Sprache gesagt. Wieso zeigt niemand mehr das wahre Leben? Unser Leben voller Frust aber eben auch voller Hoffnung, ohne Yoga und dennoch entspannt.

Unseren eigenen Weg zu finden, ist eben nicht ein „Finden“, und auch keine „Suche“. Erfahrung für Erfahrung finden wir diesen Weg, den wir nie finden mussten. Jeden Tag, auch an diesen, an denen du nichts machst, ist ein Schritt auf diesem Weg, den nur du gehts. Die Zeit bewegt sich niemals rückwärts, und du wirst nicht jünger, und dies hat weder mit Selbstfindung zu tun noch mit einer spirituellen Reise. Du musst dich nicht finden, du bist nämlich nicht verloren. Ich muss mich nicht finden, ich bin nicht verloren. Doch auch die positiven Social Media Stars geben uns genau dieses Gefühl des Verlorenseins, wenn sie uns dazu zwingen, zu glauben, wir seien verloren, wir müssten uns finden. Die kleinen und grösseren Veränderungen unseres Ichs gehört ja immernoch zu unserem Ich, wir sind nicht neue Menschen, wir bleiben dieselben. Wir finden neue Seiten unseres Ich, aber ich bleibe ich, ganz egal ob ich Chips oder Brokkoli esse, produktiv bin oder nicht, und meinen Kaffee ganz klassisch trinke oder mit Mandelmilch.

Ich muss nicht das Beste aller Welten haben, keine Influencerin sein, keine Sportlerin, keine Künstlerin, ich bin kein nichts auch wenn ich diese Dinge nicht bin. Und ich muss mich nicht jeden Tag selbst lieben, ich kann mich kritisieren, kann meine Kratzer und Laster haben, mich selbst dennoch respektieren, und dazu nicht jeden einzelnen Tag mich lieben. Dankbar zu sein heisst auch nicht wie in diesen Selbsthilfebüchern allen ein Kompliment zu machen. Ach, keine Ahnung. Mein ganzer Text hat einen sehr tiefen Zusammenhang, doch ich springe von Thema zu Thema und werde dies später nicht verbessern.

Du fragst dich wieso? Weil eben meine Gedanken auch nicht immer perfekte, von einer Redaktion korrigierte Recherche-Artikel sind. Ich zeige mich so wie ich bin, ganz stolz darauf, dass ich mir erlaube, nicht jeden Tag stolz zu sein. Nie die Uhr zurückdrehend, nie mich selbst in ein Gefängnis voller Erwartungen einsperrend, gehe ich meinen „Weg“, der eigentlich nur aus meinen Fussspuren besteht, die ich selbst im Sand, Dreck, oder auch unsichbar im Asphalt hinterlasse. Und du weisst, das auch dies nicht immer stimmt, dass ich mir genauso viel Gedanken über die Gedanken anderer mache, wie du. Aber das ist gut so. Wenn wir wissen, dass wir das Gleiche erleben, sehen wir ein, dass das nicht so sein muss, und entfolgen vielleicht gemeinsam eines Tages die ganzen Influencer auf Instagram, und gründen unser eigenes reales Imperium. Und Tschüss.

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